Kuratorium Theater, Tanz, Performance 2011-2013


Was tun die Kuratorinnen und Kuratoren eigentlich?

Über unsere Tätigkeit als KuratorInnen für Projekt- sowie Ein-und Zweijahresförderungen für freie Projekte in den Bereichen Theater, Tanz und Performance


Unsere Tätigkeit resultiert aus der 2003 initiierten Wiener Theaterreform. Zu diesem Zeitpunkt herrschte seitens der Stadt Wien wie auch bei einem Großteil der Szene selbst die Ansicht, dass die seit den 60er-Jahren kontinuierlich gewachsene freie Theaterszene dringend eine Erneuerung braucht, dass Theaterdirektoren nur mehr mit befristeten Verträgen bestellt werden sollten und dass einige Häuser auf Grund des Verlustes ihrer zeitgenössischen Relevanz nicht mehr länger gefördert werden sollten. Aus diesen vieldiskutierten Feststellungen und den daraus hervorgegangenen Bestrebungen der von der Stadt Wien getragenen Wiener Theaterreform entstand das bis heute bestehende Dreisäulenmodell: Konzeptförderung (= Vierjahresförderung), vergeben alle vier Jahre durch eine mehrköpfige Jury; Projektförderung (Projekt-, Ein- und Zweijahresförderung), vergeben zweimal jährlich durch ein dreiköpfiges Kuratorium sowie Standort- und Strukturförderung, direkt vergeben durch die Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7).

Kontakte
Für bestellte Kuratorinnen und Kuratoren besteht die Tätigkeit aus dem Lesen und Diskutieren eingereichter Projektanträge; aus kontinuierlich stattfindenden Treffen und Gesprächen mit den KünstlerInnen, aber auch mit den LeiterInnen unterschiedlicher Theaterhäuser, mit FestivaldirektorInnen und natürlich den VertreterInnen und MitarbeiterInnen des Kulturamts der MA 7 sowie dem Theaterreferenten des Kulturstadtrates; aus Besuchen unterschiedlichster theatraler und performativer Formate im Gesamtraum Wien u. v. m. Das bedeutet aber nicht nur das Begleiten von Projektrealisationen aus der freien Szene, sondern auch Besuche anderer Häuser und Festivals, die nicht nur in Wien beheimatet sind.

Offene Gespräche
Bei den Projekteinreichungen setzen wir uns nicht nur mit den künstlerischen Inhalten bzw. Absichten, gewählten Formaten und Ästhetiken auseinander, sondern auch mit finanziellen Fragen, etwa konkreten Projektkalkulationen und Finanzierungsmöglichkeiten. Wir versuchen in jeder Hinsicht Ratschläge zu geben und geben auf Wunsch der KünstlerInnen auch Tipps in Fragen der Dramaturgie und Produktionsleitung wie auch Feedbacks nach konkreten Aufführungen. Wir bringen gerne und auf offene und transparente Weise unser Wissen um KoproduktionspartnerInnen sowohl in Wien wie auch innerhalb Österreichs und international ein und befürworten insgesamt stark das Kooperieren mit unterschiedlichen PartnerInnen, sei es in künstlerischer wie auch in finanzieller Hinsicht.

Keine Sparten-Töpfe
Wir "dividieren" die zur Verfügung stehende Summe der MA 7 für freie Projektförderung - seit 2004 gleichbleibend ohne jegliche Anpassungen: 2,5 Millionen Euro - nicht durch die Anzahl der Sparten, um dann "Töpfe" aufzufüllen: So gibt es für uns keinen vorab festgesetzten "Topf" für Theater für junges Publikum oder einen "Topf" für Tanz und Performance.

Kriterien
Wir entscheiden vielmehr nach der abschätzbaren künstlerischen Qualität, Relevanz und Wirkkraft eines Projekts oder eine Ein- und Zweijahresförderung. Unser Hauptaugenmerk liegt neben der künstlerischen Kraft auf Zeitgenossenschaft in allen Aspekten, Sichtbarkeit und einem offenen und nachhaltigen Austausch zwischen den Generationen. Wir gehen davon aus, dass es sich bei Ersteinreichungen um KünstlerInnen handelt, die bereits ausgewiesene Erfahrungen im selbständigen Arbeiten getätigt haben. Und wir behandeln den so genannten "Nachwuchs" nicht getrennt von den anderen EinreicherInnen, sondern sehen diesen als integralen und notwendigen Teil einer lebendigen und beweglichen künstlerischen Landschaft.

Migration
Dass (auch politische) Migration ein zentrales Thema im Kunst- und Kulturbereich ist, ist für uns selbstverständlich. Allerdings steht die künstlerische Qualität an erster Stelle. Bei der Auswahl der zu empfehlenden Projekte wird von uns die künstlerische Vielfalt, die eine Hauptstadt ausmacht, mitgedacht. Eine unserer ersten Bemühungen war es so 2009 auch, in einem Gespräch mit dem Ronacher den Weg für Auftritte der freien Szene zu öffnen. Das ist uns nicht gelungen. Gelungen sind uns aber zahlreiche Vernetzungen von KünstlerInnen, Theatern, Festivals sowie eine stärkere Transparenz unserer Tätigkeit durch die Betreuung der Website www.kuratoren-theatertanz.at und vieles mehr.

Wachsende Szene
Wir haben seit unserem Arbeitsbeginn im Juni 2009 an die 600 Gespräche geführt und gehen mittlerweile von einer in Wien angesiedelten Szene aus, die aus geschätzten 500 aktiv tätigen freien EinzelkünstlerInnen, Ensembles und Standorten besteht. Das bedeutet unbestreitbar große Konkurrenz. Es besteht ein starker internationaler Zuzug unter der zeitgenössischen Künstlerschaft; nach Wien kommende Studierende bleiben oftmals nach dem Ende ihrer Ausbildung in Österreich. Die Vielzahl der Einreichungen - derzeit sind es ca. 235 - spricht für den lebendigen Kunst- und Kulturstandort Wien, ist aber auch ein Indiz für andere, wesentlich komplexere gesellschaftliche, künstlerische und nicht zuletzt wirtschaftliche Umstände.

Neue Räume
Die Stadt Wien hat in den letzten Jahren seit Beginn der Theaterreform 2003 kein Theater geschlossen, sondern vielmehr neue Räume eröffnet bzw. neu vergeben: 2004 eröffnete der Dschungel Wien - Theaterhaus für junges Publikum, Anfang 2006 das TAG, im Sommer 2006 folgte die Eröffnung des 3raum-anatomietheater. 2007 übernahm Andreas Beck die Intendanz des Schauspielhauses, im Winter 2007 eröffnete brut Wien und übernahm die beiden Spielstätten des ehemaligen dietheaters; 2009 eröffneten das Palais Kabelwerk in Wien-Meidling, das Theater Nestroyhof Hamakom in Wien-Leopoldstadt und GARAGE X im ehemaligen Ensemble Theater am Petersplatz. Daneben wurden aber auch zahlreiche weitere privat geführte Studios für Tanz und Performance im gesamten Stadtraum und neue Spielorte für Sprech- und Musiktheater eröffnet, darunter etwa 2007 der Salon 5 im Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus, 2008 das Schubert Theater.

Koproduzierende Verantwortung
Neben den ausgewiesenen Koproduktionshäusern, die im Besitz der Stadt Wien sind, brut und Tanzquartier, übernehmen etliche andere Häuser und deren künstlerische LeiterInnen koproduzierende Verantwortung. Die Spielpläne dieser vielfach unterdotierten Theater sind nur mit Geldern aus der Projektförderung zu gestalten. Doch das Budget zur Bespielung dieser Orte durch Koproduktionen mit der freien Szene wurde demgegenüber seit dem Jahr 2004 bei massiv steigendem Bedarf und trotz mehrmaliger Forderungen auch seitens der Interessenvertretungen der freien Szene nicht erhöht.

Empfohlene Projekte
Das Kuratorium für Theater, Tanz und Performance empfiehlt zurzeit ca. 20 bis 30 Prozent der eingereichten Projekte. Angesichts der Menge an einreichenden KünstlerInnen wie auch bestehenden Häusern und Spielorten für freies Theater, Tanz und Performance sowohl für erwachsenes wie auch junges und jüngstes Publikum hat sich diese Zahl als keineswegs zu hoch erwiesen.

Finanzierung
Die Produktionsbedingungen haben sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Die Stadt Wien versteht ihre Subventionsleistung heute als anteiligen Produktionskostenzuschuss. Zeitgenössisch agierende Kunstschaffende sind daher aufgerufen, kontinuierlich auch andere Geldquellen aufzutun, und gerade KünstlerInnen der jungen freien Szene tun dies heute bereits mit großer Selbstverständlichkeit, organisieren sich Residencies sowohl innerhalb Österreichs wie auch international, Auftritte bei internationalen Podien und anderes mehr.

Längere Spielserien

Wir freuen uns mit allen KünstlerInnen, die internationale Erfolge haben, wünschen uns aber auch in Wien mehr Sichtbarkeit für die freie Szene. Wir halten daher u. a. längere Spielserien im Sinne der künstlerischen Sichtbarkeit für essenziell und bedauern sehr, dass viele Produktionen nur zwei Mal gespielt und dann "abgelegt" werden.

Touringsystem/Jury-Bestellungen
Wie unsere VorgängerInnen sind wir der Ansicht, dass Österreich ein Touringsystem braucht, um freie Produktionen im gesamten Bundesgebiet zu präsentieren. Und ähnlich wie unsere VorgängerInnen empfehlen wir im Hinblick auf die Bestellung der Kuratorien eine flexiblere Handhabung durch ein dynamisches zeitlich verschobenes Bestellungsmodell der einzelnen Mitglieder, das auch die alle vier Jahre zu bestellende Jury für Mehrjahresförderungen umfasst. Dadurch könnte ein für alle Seiten nützlicher Transfer des angesammelten umfassenden Wissens der Kuratoriums- und Jury-Mitglieder um die freie Szene und die kulturpolitischen Veränderungen in der Stadt Wien ermöglicht werden.

Andrea Amort, Angela Heide, Andreas Hutter*
Wien, Februar 2011

*seit 1. Juni 2011 (davor: Jürgen Weishäupl)

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Die aktuellen Aufführungstermine bisher empfohlener Projekte finden Sie auf dieser Seite unter Termine.
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In der Rubrik FAQ (Frequently Asked Questions) finden Sie Antworten zu häufig gestellten Fragen Einreichungen und Förderabläufe betreffend.

Unter Presse werden Artikel zur Tätigkeit der Kuratorien der Stadt Wien im Bereich Theater, Tanz und Performance seit 2007 versammelt und unter Links Verweise auf freie Gruppen, Veransalter und Spielorte in Wien.

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