Kuratorium Theater, Tanz, Performance

Positionen

 

Lange dauern sie nun schon an, die Jahre der Krise. So lange, dass wir uns schon daran gewöhnt haben, alles unter dem Vorzeichen der Krise zu sehen. Das Epizentrum der Wirtschaftskrise hat seine Wellen ausgesendet in alle Richtungen der Welt und alle Ebenen der Gesellschaft: ideologische Krise, politische Krise, Krise des Wachstumsmodells, Krise alternativer Modelle, kulturelle Krise, persönliche Krise der Lebensentwürfe.

Ökonomische Sichtweisen durchdringen alle Lebensbereiche, der Agamben’sche Ausnahmezustand wird zur Regel, Stellenwerte und Wertigkeiten verlieren ihre Bedeutung. „Es gibt zunehmende Skepsis gegenüber der Kultur“ sagt Regisseurin Barbara Frey anlässlich ihrer neuesten Inszenierung am Burgtheater, in Wien (1). Sie konstatiert einen Paradigmenwechsel am institutionalisierten Theater, künstlerische Parameter würden zusehends abgelöst von ökonomischen, künstlerische Positionen und Arbeitsweisen von Strategien des Event-Management.

Nimmt es Wunder, dass die Erwartungshaltung gegenüber institutionalisierter künstlerischer Arbeit sich in dieser Weise geändert hat? Über viele Jahrzehnte hatten sich die Künste selbst die Position des analytisch-kritischen Gesellschaftsspiegels zugeschrieben und darin ihren gesellschaftlichen Stellenwert und auch ihren finanziellen Wert behauptet, allen voran das Theater mit seinem Anspruch, den Finger in die Wunde zu legen, Missstände anzuprangern, Unrecht aufzuzeigen, Widerstand zu leisten oder zumindest einzufordern. Doch ähnlich dem zunehmenden Verschwinden politischer Ideologien, ähnlich der Verschiebung der Bedeutung im Bereich der bildenden Kunst, weg von Ästhetik und Erkenntnis hin zur Funktion der Geldanlage auf den Kunstmärkten, büßt auch das Theater seinen Stellenwert  als Korrektiv ein, wenn es nicht mehr zu bieten hat, als seine eingeübte Anmaßung, etwas zur Weltverbesserung beizutragen. Aus dem alten Wettstreit Kunst gegen Unterhaltung, in dem beide idealerweise eine fruchtbare Verbindung eingehen, indem die Unterhaltung aus der Kunst erwächst, scheint heute, im Zeitalter des Ausnahmezustands die Unterhaltung als Sieger hervorzugehen.

Abseits davon gibt es jedoch noch einen anderen Bereich, den Bereich freier künstlerischer Praxis, in dem künstlerische Arbeit gleichbedeutend ist mit künstlerischer Position, und dies im vollen Umfang des Begriffs „Position“: als Standort im gesellschaftlichen Raum, als grundsätzliche Haltung, inhaltliche Auffassung und Meinung, als sozialen Rang, berufliche Stellung, als individuelle Verortung in der Gesamtheit der künstlerischen Produktion und als eigenständig erarbeitete ästhetisch-künstlerische Sprache.

In diesem nicht-institutionalisierten Bereich herrschen komplexe Arbeitsbedingungen, eine hohe Fluktuation und naturgemäß der Anspruch, immer neue künstlerische Positionen einzunehmen, bzw. zu entdecken und ihre Umsetzung zu ermöglichen. Es ist ein Bereich des Kommens und Gehens, hier begegnen sich unterschiedliche Generationen, Sprachen, Länder, Häuser, Erfahrungen, Disziplinen und Arbeitsweisen. Die Stadt Wien stellt für diesen Bereich künstlerischer Arbeit im Genre der darstellenden Kunst auch 2015 wieder € 2,6 Millionen in Form von Projektkostenzuschüssen für Einzelprojekte, 1-Jahresförderungen sowie 2-Jahresförderungen zur Verfügung.

Der Bereich der 2-Jahres-Förderung ist Künstler/innen und Gruppierungen gewidmet, die über einen längeren Zeitraum ihre künstlerische Position finden, behaupten und immer neu weiterentwickeln sowie gegebenenfalls auch andere, meist jüngere Künstler/innen an ihren Einrichtungen und Errungenschaften teilhaben lassen. Der Bereich der 1-Jahres-Förderung stellt einen Durchgangsraum in beide Richtungen dar, der sich in ständiger Bewegung befindet, vom Einzelprojekt zur langfristigen Förderung, bis hin zur 4-Jahres-Förderung und zurück. Das breiteste Feld künstlerischer Positionen bildet die Einzelprojekt-Förderung.

Allen Positionen gemeinsam ist jedoch die grundsätzliche Orientierung an Maßstäben der Kunst, nicht der Unterhaltung, an Maßstäben der Ästhetik, nicht des Events und an Maßstäben der Offenheit, nicht der Institutionalisierung. Eine Positionierung in diesem Feld bedeutet naturgemäß eine Positionierung außerhalb der allgemeinen Skepsis gegenüber der Kultur und eine aktive Teilnahme an der lebendigen Gestaltung und Definition unserer künstlerischen Landschaft.

Der Druck des allgemeinen Ausnahmezustandes ist hoch und dementsprechend ist die Anzahl an Förderansuchen über die letzten Jahre leicht rückläufig. Gegenüber  234 Ansuchen im Jänner 2011 gab es vier Jahre später 204 Ansuchen. Wir haben Wert darauf gelegt, der Kulturabteilung der Stadt Wien diejenigen Ansuchen zur Förderung zu empfehlen, die sich auf substantielle Weise in dem hier skizzierten Feld  positionieren.

 

Andreas Hutter für das Kuratorium

 

(1) Interview in: Der Standard, 15. April 2015


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